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Wie im Elbe-Elster-Kreis die Tradition eines alten Handwerks bewahrt wird
03.09.2008 - Lausitzer Rundschau
Die Kirchhainer Pelzgerber
 

Manfred Oettrich und Paul E. Höppner gehören zu den letzten Gerbermeistern in Sachsen und Brandenburg. In Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) – dem einstigen Hauptstandort zur industriellen Lederproduktion der DDR – bewahren sie die Tradition des alten Handwerks.
Beide haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und sich inzwischen einen überregionalen Kundenstamm aufgebaut.

Gerberei Oettrich
Foto: Rösler
Gerbermeister Manfred Oettrich in seiner Werkstatt in Doberlug-Kirchhain.

 

Unangenehmer Geruch durchflutet die kleine Werkstatt, als Manfred Oettrich den Deckel des hölzernen Walkfasses öffnet. Unzählige Felle schwimmen in einem Gerät, das wie eine riesige Waschmaschinentrommel aussieht. «Die werden wie saure Gurken in einer Salz-Säure-Mischung eingelegt, damit später der Gerbstoff besser eindringen kann» , erklärt Oettrich. Er hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt, stammt aus einer alten Gerberfamilie. Dort, wo der Kirchhainer heute Felle konserviert, wurden schon vor rund 200 Jahren Tierhäute verarbeitet. Das Gerberhandwerk selbst hat in der Stadt etwa 400 Jahre Geschichte mitgeschrieben. Um 1900 gab es fast 100 Gerbereien in Kirchhain, der Stadtteil galt als einer der wichtigsten Produktionsstandorte für Schafleder im Deutschen Reich. In der DDR war der Ort mit 14 privaten Gerbereien und einer volkseigenen Lederfabrik die Hochburg der Lederproduktion.

Heute sind Oettrich und Höppner nach Auskunft der Handwerkskammer (HwK) Cottbus die einzigen, die in Südbrandenburg noch Gerbereien betreiben. In Ostsachsen ist nach Angaben der HwK Dresden noch ein Gerber in der Sächsischen Schweiz registriert. Nach der Wende brach der Industriezweig nicht nur in Doberlug-Kirchhain nahezu komplett zusammen. «Von den rund 20 größeren Lederfabriken, die es zur Wiedervereinigung im Osten Deutschlands gab, ist heute nur noch die im thüringischen Weida übrig» , sagt Reinhard Schneider, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Lederindustrie. Der Grund: Schweinshäute, die hauptsächlich von den Betrieben in der DDR verarbeitet worden waren, durften in der Europäischen Union nicht mehr abgezogen werden. Damit brach den Gerbereien ihre Rohware weg. «Eine Zeit lang wurde versucht, Häute aus Osteuropa zu importieren. Aber das funktionierte nicht richtig» , so Schneider. Bundesweit hat sich die Branche in den vergangenen Jahren gewandelt. Strengere Umweltauflagen und höhere Lohnkosten hätten die Produktion in Deutschland verteuert. Daher sei die Lederwarenindustrie nach und nach abgewandert. Heute würden in der Bundesrepublik hauptsächlich Leder für die Auto- und Möbelindustrie hergestellt.

Wechselnde Arbeitgeber

Den Verlust der Absatzmärkte hat Paul E. Höppner am eigenen Leib erfahren. Zu DDR-Zeiten habe er in der volkseigenen Lederfabrik in Doberlug-Kirchhain gearbeitet und sei in den Wendejahren in die väterliche Gerberei gewechselt. «Die Aufträge sind total eingebrochen» , erinnert sich Höppner. Sie hätten damals Handschuhleder für einen Gubener Betrieb geliefert. «Dort wurde die Produktion eingestellt» , so der Handwerker. Höppner ging in den Westen Deutschlands. «Ich war in fünf Gerbereien, die alle nach und nach zugemacht wurden» , erzählt der 44-Jährige. Als sein letzter Arbeitgeber die Produktion in Deutschland schloss und sie in die Slowakei verlagerte, habe er sich selbstständig gemacht und die heimische Gerberei, die seit 1896 besteht, wieder eröffnet. Das war vor rund fünf Jahren. «Es ist nicht einfach, Aufträge ranzubekommen» , sagt der Gerbermeister. Über die Jahre hat er Kunden aus ganz Deutschland gewonnen. «Ich bin der einzige im Land Brandenburg, der noch Straußenleder herstellt.» Das sei neben der Pelzveredelung sein Hauptstandbein.

Väterlichen Betrieb wieder belebt

Seinen Platz in der Branche hat auch Manfred Oettrich gefunden, der sich 2006 in die Selbstständigkeit gewagt und den väterlichen Betrieb wieder zum Leben erweckt hat. Die Aufträge mehren sich, sagt der Handwerksmeister: «Die Tendenz ist gut, das Geschäft wächst.» Seine Kunden kommen aus Berlin und Brandenburg, aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch Felle aus Nordrhein-Westfalen und Hessen hat der 43-Jährige schon bearbeitet. «Das meiste sind Schaffelle. Aber ich gerbe hier eigentlich alles, was vier Beine und einen Pelz hat» , erzählt Oettrich, der zur Wiedervereinigung 1990 der jüngste Gerbermeister der DDR war. In seiner Werkstatt landen Felle von Mardern, Nutrias und Wildschweinen. Auch einen kanadischen Wolf, ein Zebra, Fischhäute und Schlangen hat der Gerber schon haltbar gemacht.
Dass er wieder in sein altes Handwerk zurückkehrt, hätte der Kirchhainer bis vor wenigen Jahren selbst nicht geglaubt. Bis 1990 arbeitete er im väterlichen Betrieb und wechselte dann bis 1993 in eine Gerberei in den Taunus. Danach ließ sich Oettrich zum Industriekaufmann umschulen und fing bei einem Hersteller von Autoanhängern in Großenhain (Landkreis Meißen) an. Doch eine der Entlassungswellen überrollte auch ihn. Also kehrte Oettrich zu seinen Wurzeln zurück. Heute gibt der Kirchhainer sein Wissen gern weiter und führt Besucher ehrenamtlich durch die Technische Ausstellung der Stadt, die die Geschichte und Technik der Weißgerberei vermittelt. «Mein Beruf hat viel mit altem Wissen zu tun» , das will der Kirchhainer bewahren, in dem er das Handwerk lebendig hält.

Rund 80 Gerbereien

* In Deutschland gibt es nach Angaben des Verbandes der deutschen Lederindustrie (VDL) derzeit rund 80 Gerbereien. Davon hätten etwa 15 Unternehmen mehr als 50 Mitarbeiter, rund 30 Firmen würden jeweils zwischen 20 und 50 Menschen beschäftigen. Der Rest seien vor allem kleine Ein- bis Zwei-Mann-Betriebe. Insgesamt zähle die Branche zwischen 3000 und 3500 Beschäftigte und erziele einen Gesamtumsatz von etwa 600 Millionen Euro pro Jahr.
* Deutschland ist laut VDL hinter Italien und Spanien der drittgrößte Lederproduzent in Europa.


Von Christiane Klein

     
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